Requiem einer Verlorenen Leseprobe

Benommen schüttelte sie den Kopf und blinzelte ein paar Mal, um schließlich die Augen ganz zu öffnen. Und dann kam endlich die Erinnerung zurück. Sie und Mia waren entführt worden. Sie schreckte hoch, wurde jedoch durch die Fesseln sogleich an einer weiteren Bewegung gehindert. Verzweifelt zerrte sie am Kabelbinder, stellte aber ihre Bemühungen nach einigen Sekunden frustriert ein. Die Fesseln saßen zu fest, als dass sie sich hätte befreien können. Tief schnitten sie in die Hand- und Fußgelenke ein und je mehr sie an ihnen zerrte, desto mehr schmerzte die ohnehin schon wundgescheuerte Haut.

Sie fragte sich, wohin sie ihr Entführer, der nun schon seit Stunden verschwunden war, wohl gebracht hatte. Sie tippte auf den Westhafen, denn das Letzte, das sie sah, nachdem sie die Autobahn verlassen hatten und bevor der Mann ihr den Sack über das Gesicht zog, waren hohe Ladekräne und dutzendweise Container gewesen.

Doch nun hockte sie hier im Dunkeln und wartete auf die Rückkehr ihres Peinigers. Sie spitzte die Ohren, um zu hören, wie es Mia ging. Das kleine Mädchen schluchzte leise in einer Ecke vor sich hin und es zerriss ihr schier das Herz, es nicht in ihre Arme nehmen zu können.

„Mia, Süße“, flüsterte sie. „Komm doch mal her zu mir, ja?“

Im düsteren Dämmerlicht der Lagerhalle nahm sie eine Bewegung wahr und kurz darauf stand Mia neben ihr, den unvermeidlichen Johnny unterm Arm, und knabberte ängstlich am dicken schwarzen Zopf, der sich langsam auflöste.

„Ich will hier fort, Anna“, jammerte sie. „Ich habe Angst.“

Was hätte sie nur dafür gegeben, Mia beruhigend über den Kopf streichen zu können. „Du brauchst keine Angst zu haben, Süße“, antwortete sie und war sich ihrer Hilflosigkeit dabei nur noch umso deutlicher bewusst. „Ich bring uns hier raus.“